Autochthone Olivensorten: Geschichte, Terroir und Geschmack - ein umfassender Guide für bestes Olivenöl
- A Heu
- 17. Nov.
- 6 Min. Lesezeit
Warum autochthone Sorten der Schlüssel zu hochwertigem Olivenöl sind
Wer sich ernsthaft mit Olivenöl beschäftigt, stößt früher oder später auf die immense Rolle von Sortenvielfalt und regionaler Identität. Autochthone Sorten – also solche, die über Jahrhunderte in einem bestimmten Gebiet entstanden und kultiviert wurden – bestimmen wie keine andere Variable das Aroma, die Komplexität und die Qualität eines Öls.
Wie beim Wein beeinflussen Klima, Boden und Kulturtechniken den Charakter jeder Olive. Wer autochthone Sorten versteht, versteht den Kern besten Olivenöls – und findet leichter heraus, was für den eigenen Geschmack tatsächlich bestes Olivenöl ist.
In diesem Beitrag beleuchten wir einige autochthone Sorten, jedoch sind viele Sorten inzwischen auch in anderen Regionen der Welt angebaut worden. Deshalb mischen sich auch einige Sorten hinein, die als prägend für eine Region gelten und dort jahrhundertelange Tradition haben, inzwischen jedoch auch in weiteren Regionen angebaut werden. Nach Möglichkeit wurden die Informationen dazugeschrieben.

Einige autochthonen Sorten Italiens: Bestes Olivenöl - Vielfalt von Nord bis Süd
Frantoio - Die Aromenikone der Toskana
Ihr Kerngebiet liegt in den Hügeln der Toskana, etwa in den Regionen rund um Lucca, Siena und im Valdelsa. Historisch wird Frantoio seit vielen Jahrhunderten in Mittelitalien angebaut. Exakte Flächenangaben für diese Sorte allein liegen nicht vor, allerdings ist dokumentiert, dass die Toskana insgesamt viele zehntausend Hektar mit traditionellen Sorten wie Frantoio, Leccino und Moraiolo bewirtschaftet.
Die Toskana gilt vielen als die heilige Landschaft des italienischen Olivenöls, und Frantoio ist ihre hervorstechendste Sorte.
Geschmack
intensiv fruchtig
charakteristische Bitternote
deutliche Schärfe
grüne Mandel, Artischocke, frisches Gras
Frantoio ist ideal für Liebhaber kräftiger Öle und passt hervorragend zu herzhaften Speisen, gegrilltem Gemüse oder roten Saucen.
Leccino - Die elegante, milde Sorte des Nordens
Leccino gehört zu den ältesten italienischen Sorten und wird seit dem späten Mittelalter im zentralitalienischen Raum erwähnt. Ihren Ursprung hat sie in der Toskana und in Umbrien. Heute findet man sie in vielen Regionen Italiens und zunehmend auch in neuen Olivenanbaugebieten weltweit. Auch zu Leccino gibt es keine einheitlich veröffentlichte Hektarangabe, doch die Sorte gehört zu den meistgepflanzten Oliven Italiens.
Leccino ist deutlich milder und harmonischer.
Geschmack
mild bis mittel-fruchtig
geringe Bitterkeit
Aromen von süßer Mandel, Apfel, Kräutern
Ein moderner Allrounder für Salate, helle Gerichte und feine mediterrane Küche.
Nocellara del Belice - Siziliens würzige Powerfrucht
Nocellara del Belice stammt aus dem Südwesten Siziliens, insbesondere aus dem Valle del

Belice und den Gemeinden Castelvetrano, Campobello di Mazara und Partanna. Diese Sorte wird seit vielen Generationen sowohl für Öl als auch als Tafelolive genutzt. Ihre Bedeutung spiegelt sich in der eigenen DOP Zone wider.
Sizilien bietet mit Nocellara del Belice eine Sorte, die gleichzeitig als Tafelolive und Ölfrucht geschätzt wird.
Geschmack
kräftig, würzig, ausgewogen
klare Adstringenz
Tomatenblatt, grüne Olive, frisch geschnittenes Gras
Perfekt für Bruschetta, kräftige Antipasti und herzhafte Pastagerichte.
Autochthone griechische Olivensorten: Tradition aus der Wiege des Olivenbaums
Koroneiki - die Königin bestes Olivenöl Griechenlands
Griechenlands wichtigste Sorte ist Koroneiki. Sie ist vor allem auf Kreta und auf dem Peloponnes beheimatet und gehört dort seit langer Zeit zur regionalen Olivenkultur. Koroneiki macht je nach Quelle zwischen fünfzig und sechzig Prozent der gesamten griechischen Anbaufläche aus und ist damit die dominante Sorte des Landes.
Griechenland hat eine der ältesten Olivenkulturen weltweit. Die Sorte Koroneiki dominiert und gilt als sensorisch anspruchsvoll und besonders stabil.
Geschmack
intensiv fruchtig
kräftig bitter und scharf
Aromen: grüne Banane, Kräuter, grüne Tomate
Ein Öl mit großer Tiefe – ideal für die klassische mediterrane Küche.
Tsounati - Die milde, reife Sorte Kretas

Die Sorte Tsounati ist besonders eng mit Westkreta verbunden. Dort wachsen viele Bäume, die als sehr alt beschrieben werden und deren Ursprung teils auf antike Olivenkulturen zurückgeführt wird. Tsounati ist in Kreta und Teilen des Peloponnes traditionell fest verankert. Je nach Region wird ihr Anteil an den lokalen Olivenflächen mit fünfzehn bis zwanzig Prozent angegeben.
Tsounati stammt von teils jahrhundertealten Bäumen und wirkt aromatisch runder.
Geschmack
mild bis mittel-fruchtig
weiche Struktur
Feige, reife Olive, Kräuter, leichte Blumen
Für zarte Speisen und Liebhaber milderer Öle.
Manaki - Delikat und duftig
Im östlichen Peloponnes, besonders in der Argolis, und in angrenzenden Regionen verbreitet. Sie wird seit vielen Generationen angebaut und besitzt dort eine lange Tradition. Obwohl ihr Anteil deutlich kleiner ist als der von Koroneiki, spielt Manaki in den traditionellen Olivenkulturen des Peloponnes eine wichtige Rolle.
Aus Argolis und dem Peloponnes stammt Manaki, eine Sorte mit feiner Handschrift.
Geschmack
mittel-fruchtig
dezente Bitterkeit
Apfel, unreife Banane, Kräuter
Ein ideales Öl für Fingerfood, Salate und leichte Fischgerichte.
Autochthone Sorten Spaniens: Weltmarktführer mit Qualitätsrevolution
Spanien besitzt die weltweit größten Olivenhaine, und besonders die Sorte Picual prägt die Landschaft Andalusiens. Ihr Hauptanbaugebiet liegt in den Provinzen Jaén, Córdoba und Granada. Dort wird sie seit vielen Jahrhunderten kultiviert.
Picual - Die Intensivfrucht Andalusiens
Mit etwa neunhunderttausend Hektar gilt Picual als die mengenmäßig bedeutendste Olivensorte Spaniens. Ihre robuste Natur und die hohe Ölausbeute haben sie zu einem Symbol andalusischer Landwirtschaft gemacht.
Kaum eine Sorte ist so charakterstark wie Picual.
Geschmack

sehr intensiv fruchtig
deutliche Bitterkeit und Schärfe
Feigenblatt, Tomatenpflanze, Kräuter
Für kräftige Küche, Tomatengerichte und aromatische mediterrane Speisen.
Arbequina - Die zarte Frucht Kataloniens
Sie stammt ursprünglich aus Katalonien, wo sie vor allem in der Provinz Lleida und der Conca de Barberà angebaut wird. Ihre dokumentierte Verbreitung als moderne Ölsorte setzt besonders im 20. Jahrhundert ein, doch ihre Wurzeln reichen weiter zurück. Heute ist Arbequina nicht nur in Katalonien, sondern auch in Aragon und zunehmend in anderen europäischen und außereuropäischen Regionen vertreten. Allein in Katalonien wächst sie auf über fünfundfünfzigtausend Hektar.
Arbequina gilt als die feine, moderne Sorte.
Geschmack
mild bis mittel-fruchtig
weich, nussig
Mandel, Apfel, Butter
Ideal für Desserts, milde Salate oder Burrata.
Hojiblanca - Die balancierte Allzwecksorte
Ihr Zentrum liegt in den Provinzen Córdoba, Málaga, Sevilla und Granada. Hojiblanca ist traditionell in diesen Gebieten verwurzelt und seit langer Zeit Bestandteil der lokalen Landwirtschaft. Ihre Flächen umfassen etwa zweihundertfünfundsechzigtausend Hektar und machen sie damit zu einer der wichtigsten Sorten Andalusiens.
Hojiblanca ist aromatisch frisch und zugleich komplex.
Geschmack
mittel-fruchtig
leichte Bitterkeit
Artischocke, Mandel, Apfel, Kräuter
Ein Universalöl für Küche und Rohverzehr.

Persönliche Erfahrung im Veneto: Favarol und Grignano – zwei unbekannte Juwelen
Entdeckungsreise nach Verona: Wie ich Favarol und Grignano kennenlernte

Während einer Reise durch die sanft geschwungenen Hügel östlich des Gardasees hatte ich die Gelegenheit, die lokale Olivenölkultur des Veneto zu erleben. Bei einem Besuch der Ölmühle Olio Bonamini lernte ich zwei autochthone Sorten kennen, die außerhalb der Region kaum Beachtung finden, aber zu den spannendsten Entdeckungen meiner sensorischen Olivenölerfahrung gehören.
Favarol - Kräftig, artischockig, mit Energie
Die Sorte Favarol präsentierte sich als echtes Kraftpaket:
intensive Artischockennoten
angenehme, deutlich spürbare Schärfe
elegante Bitterkeit
dunkelgrün, strukturiert, lebendig
Dieses Öl wirkt fast toskanisch, jedoch mit einer norditalienischen Frische, die es zu einem hervorragenden Begleiter für Gemüse, Risotto und kräftige Gerichte macht.
Grignano - Mandarine, Leichtigkeit und feine Zitrusfrische
Grignano zeigte sich völlig anders – leichter, feiner, ungewöhnlich zitrisch:
klare Mandarinen- und Zitrusnoten
unaufdringliche, harmonische Aromen
perfekt zu leichten Speisen
Nicht überwältigend in der Kraft, aber außergewöhnlich in der Komposition – ein Öl für Feinschmecker, die subtile, frische Akzente suchen.
DOP-Cuvées von Olio Bonamini: Die Vermählung zweier Charaktere
Besonders faszinierend waren die DOP-zertifizierten Öle, die Favarol und Grignano vereinen. Das Zusammenspiel aus grüner Würze, Artischocke und zitrischer Mandarine ergibt eine Balance, die man selten findet. Für mich zählen diese Cuvées zu den elegantesten Ölen Norditaliens.
Kulinarische Anwendung: Welches Olivenöl passt zu welchem Gericht?
Kräftige Sorten für intensive Küche
Frantoio, Picual, Koroneiki, FavarolIdeal für Tomatengerichte, Fleisch, gegrilltes Gemüse, Risotto, herzhafte mediterrane Küche.
Feine Sorten für leichte und frische Speisen
Arbequina, Tsounati, Grignano, ManakiPerfekt zu Fisch, Salaten, Burrata, Antipasti, Desserts.
Ausblick: Türkei und Tunesien - Mittelmeertradition außerhalb der EU
In der Türkei besitzt die Sorte Gemlik eine herausragende Bedeutung. Sie stammt aus der Marmararegion rund um die Stadt Gemlik und wird seit Jahrhunderten als Tafel- und Ölolive geschätzt. Gemlik ist heute die wichtigste Sorte der Türkei und macht fast die Hälfte des gesamten Baumbestandes aus.
Auch in der türkischen Ägäis existieren traditionelle Sorten, beispielsweise Ayvalık. Sie ist besonders entlang der gleichnamigen Bucht verbreitet und bildet dort ein wesentlicher Bestandteil der regionalen Kulturlandschaft. Die Region zählt etwa zweieinhalb Millionen Bäume, die dieser Sorte zugeordnet werden.
Tunesien besitzt ebenfalls alte Olivenkulturen. Chemlali ist die wichtigste Sorte des Landes und wird vor allem in Zentral- und Süd-Tunesien rund um Sfax angebaut. Sie ist in den traditionellen, oft sehr alten Olivenhainen fest verankert und stellt rund fünfzig bis sechsundsechzig Prozent der nationalen Olivenfläche. Eine weitere tunesische Sorte ist Chetoui, die im Norden des Landes verbreitet ist. Je nach Quelle macht Chetoui zwischen zwölf und fünfunddreißig Prozent der regionalen Bestände aus und bildet dort die sensorisch kräftige Ergänzung zu den milderen Chemlali Ölen.
Auch außerhalb des klassischen EU-Dreiecks haben autochthone Sorten Bedeutung:
Türkei: Gemlik (weich, reif), Ayvalık (fruchtig, kräuterig)
Tunesien: Chemlali (mild), Chetoui (kräftig, grün-fruchtig)
Diese Regionen holen im Premiumsegment rasch auf und bieten spannende Alternativen.

Fazit: Autochthone Sorten als Schlüssel zu echtem Premium-Olivenöl - doch sind sie auch gleichzeitig das beste Olivenöl?
Autochthone Sorten erzählen die Geschichte ihrer Region – und diese Geschichte schmeckt man. Ob kräftige Sorten wie Frantoio, Picual oder Koroneiki oder zarte Profile wie Arbequina, Tsounati oder Grignano: Jede Varietät ist ein Fenster in eine Landschaft, eine Kultur, ein Stück Mittelmeer.
Wer diese Vielfalt versteht, kann bewusster auswählen, bewusster genießen – und findet so tatsächlich das beste Olivenöl für jede kulinarische Gelegenheit.






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